Open Source Intelligence – Der „Geheimdienst der Öffentlichkeit“
Quelle: Max Knieriemen, SWR2, 11.3.2022, 12:31 Uhr
Bei Open Source Intelligence, kurz OSINT, geht es darum. öffentlich zugängliche Informationen auszuwerten, um nachrichtendienstliche Erkenntnisse daraus zu ziehen. Für die Disziplin, die früher vor allem in Geheimdiensten und von Journalisten betrieben wurde, gibt es inzwischen eine rege Online-Community, die genau beobachtet und verifiziert, was sich im Netz an Daten über den Ukrainekrieg finden lässt.
Verifizierung von Kriegsbildern macht Fact-Checks nötig
Detonationen, zerbombte Straßen und schweres Militärgerät vor Atomkraftwerken. Es sind aufrüttelnde Bilder, die uns aus der Ukraine erreichen. Und es sind so viele, wie in keinem anderen Krieg zuvor. Kaum mehr möglich hier den Überblick zu behalten und unechte von echten Videos zu unterscheiden.
Verifizierung ist das Stichwort und das Geschäft von Fact-Checkern, wie Oliver Klein vom ZDF. Auf seinem Bildschirm sind russische Panzer vor dem Atomkraftwerk in Tschernobyl zu sehen.
„Das praktische ist, diese ganze Gegend, die gibt es auch bei Google Streetview. Ich muss also nur dieses Männchen hier auf die Karte ziehen, und dann kann ich mich vor Ort umschauen. In diesem Video sehen wir sehr viele markante Dinge. Wir sehen hier ein Gebäude, wir sehen diese Bögen und wir sehen hier eine Statue und all das findet sich auch bei Google Streetview. Wenn wir uns hier umschauen sehen wir die Bögen, wir sehen diese Prometheus Statue, wir können also mit ziemlicher Sicherheit sagen, das Video ist in Tschernobyl aufgenommen worden.“ so Klein.
Jeder kann sich der OSINT-Community anschließen
Klingt überraschend simpel und das gilt für viele der sogenannten OSINT-Methoden. Und so sind es längst nicht mehr nur Journalisten und Geheimdienstler, die Bilder aus dem Ukrainekrieg verifizieren. Jeder kann das und entsprechend hat sich im Netz eine OSINT-Community gebildet.
OSINT steht für Open Source Intelligence, frei übersetzt: Nachrichtendienstliche Verarbeitung öffentlich zugänglicher Quellen, erklärt Markus Reuter, Redakteur bei Netzpolitik.org.
Die OSINT-Community wertet Staudaten von Google Maps aus, um Panzerbewegungen nachzuvollziehen und manche treten auch zu Erkundungszwecken mit Fake-Profilen auf Tinder direkt mit Soldaten in besetzten Gebieten in Kontakt. Die OSINT-Community fungiert ein bisschen als „Geheimdienst der Öffentlichkeit“ und ist ein strategischer Faktor im Krieg geworden, hat aber gleichzeitig ein starkes spielerisches Element.
Die Datenfülle wird immer größer
Es sind längst nicht mehr nur ein paar versprengte Waffennerds, die sich hier zusammentun. Die Arbeit der OSINT-Community ist inzwischen auch strategisch von Bedeutung, meint Markus Reuter: „Ich glaube das dieser Krieg schon eine neue Qualität hat von wieviele Informationen zur Verfügung stehen.“
In Syrien wurden durch die OSINT-Community Daten gesammelt, die später für Prozesse gegen Kriegsverbrechen Verwendung fassen. Der Krieg in der Ukraine macht deutlich, OSINT wird immer wichtiger, dabei ist es sogar für Experten wie Markus Reuter schwierig, Open Source Intelligence auf einen Nenner zu bringen:
„Zwischen Faktenchecker, Geheimdienst der Öffentlichkeit, Detektive, die nach Fetzen der Wahrheit suchen. Auf jeden Fall hat es ein journalistisches Element und es hat auch auf jeden Fall so ein spielerisches Element – so ein Puzzle lösen. Das ist schon eine spannende Community, und ich glaube die Datenfülle wird eben immer größer und deswegen wird es auch immer mehr solche öffentlichen Informationen geben.“